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Einige weitreichende Implikationen der Nachbarschaftsnetzwerke "Dorf in der Stadt" nach dem Hallo-Leute-Modell
von Reinhard Mehl

Juli 2005; letzte Änderung: Aug. 05


Inhalt:

Teil A
Einleitung
I. Lokale Auswirkungen und Gewinne
  1. Soziopsychologischer Gewinn
  2. Integration
  3. Neue Arbeit und Konjunktur
  4. Wohnungs- und Hausnachbarn
  5. Nachbarschaftsstreit
  6. Kriminalitätsprävention
  7. Neu-Zuzug, berufliche Mobilität

II. Weiterreichende, gesamtgesellschaftliche Gewinne
  1. Kreativitätsentwicklung
  2. Bedeutung von Hallo-Leute-Netzwerken für Familien
     a) Familien
     b) Pflege
     c) Trennungen
     d) Neue Wohn- und Lebensformen
  3. Bedeutung von Hallo-Leute-Netzwerken für Politik und Gesellschaft
     a) Optimierung demokratischer Partizipation
     b) Verantwortlichkeit
     c) Identität
     d) Massenpsychologie versus "common sense"
     e) Neue gesellschaftliche Orientierung
     f) Verbraucherorganisierung
     g) Systemstabilisierung
  4. Komplementärwährung
  5. Bedeutung von Hallo-Leute-Netzwerken im globalen Rahmen
III. Zusammenfassende Betrachtungen
IV. Einordnung und kritische Würdigung

Teil B: Weitere Darstellungen
Das Nachbarschaftsnetzwerk "Dorf in der Stadt"
Die Undina-Methode

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Teil A
Einleitung

Bei den Nachbarschafts-Netzwerken nach dem Hallo-Leute-Modell geht es darum, das Herstellen von Kontakten und Beziehungen in lokalem Bezugsrahmen anzuregen und zu erleichtern. Dabei herrscht ein freilassender Geist, gemäß der Spielregel, daß jeder die Nähe und Ferne in seinen Beziehungen frei bestimmen kann, Stichwort "unverbindliche Verbindlichkeit".

Im Spannungsverhältnis zwischen den Polen Individualismus und Gemeinschaftlichkeit wird ein sowohl-als-auch praktiziert. Die Berücksichtigung beider Pole gelingt durch flexible Organisation, welche durch die Werkzeuge des Hallo-Leute-Modells ermöglicht wird.
Verschiedenen Interessenlagen entsprechend gibt es die Projekte Freizeitnetzwerk, Nachbarschaftsnetzwerk und Wahlfamilie. Im folgenden soll von einigen weitreichenden Implikationen von Nachbarschaftsnetzwerken die Rede sein.

Vorweg ist zu sagen, daß alle unten aufgezeigten Gewinne aus dem Hallo-Leute-Ansatz wesentlich deshalb zu erwarten sind, weil der Ansatz ausdrücklich auf eine schnelle, massenhafte, sich selbst verstärkende Ausbreitung hin entworfen ist. Er folgt damit einer Grundidee von Philipp Heist, welche Undina-Idee genannt wird. Nach dieser Idee sind Projekte zur Gesellschaftsveränderung so zu entwerfen, daß sie: einfach und leicht kopierbar bzw. übertragbar sind; alle Beteiligten davon Gewinn haben; und sie ethisch wertvoll und zukunftskreativ sind, um gezielt eine schnelle Wirkung zu gewährleisten.

Zum Verständnis des Textes ist eine Kenntnis des Nachbarschaftsansatzes sinnvoll.


I. Lokale Auswirkungen und Gewinne

1. Soziopsychologischer Gewinn
Der soziopsychologische Aspekt ist die Hauptzielrichtung des Projekts: das Lebensgefühl der Menschen. Es stellt einen unabsehbaren Gewinn für das Lebensgefühl dar, wenn die Möglichkeit besteht, Vereinsamung und Isolation zu entkommen und ein Maximum der Chancen und Möglichkeiten zu erhalten, welche menschliche Gemeinschaft bietet. Jeder Lebenssinn bezieht sich letztlich hieraus.

Die Dörfer-in-der-Stadt bieten die ganze Bandbreite möglichen Kontakts und Kommunikation. Dazu gehört auch die Möglichkeit, sich "seinem Dorf" so zugehörig zu fühlen wie einer Großfamilie, einer Sippe, Clan, einer "Urhorde". Uralte, archaische Wünsche können so erfüllt werden, mit allen sich daraus ergebenden Vorteilen der Kooperation. Und dies unter den Umständen und unter Beibehaltung der Vorteile der modernen Industriegesellschaft.

Die Bedürfnisse des Menschen in diesem Bereich zu erkennen und ernstzunehmen, ist eine der Leistungen des Hallo-Leute-Ansatzes.

2. Integration
Das Projekt wirkt unmittelbar gesellschaftlich integrativ, alle gesellschaftlichen Gruppen haben die Möglichkeit, miteinander in Kontakt zu kommen: Studenten mit Werktätigen, Ältere mit Jüngeren, Wohlhabendere mit sozial Schwächeren, Kinderlose mit Familien, Nicht-Deutsche mit Deutschen usw.. Das ist von Bedeutung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt; einem häufig beklagten Auseinanderdriften der gesellschaftlichen Gruppen wird damit entgegengewirkt.
Und es macht Spaß, Menschen außerhalb der eigenen gesellschaftlichen Gruppe kennenzulernen, denn es gibt immer die menschliche Neugier, und es gibt den Wunsch, einen Zustand der Getrenntheit auch bezüglich beliebiger, fremder Personen aufheben zu können.

3. Neue Arbeit und Konjunktur
Die Kontakt- und Austauschmöglichkeiten lassen sich für den Aufbau beruflicher Existenzen nutzen. Neue Arbeitsplätze und eine neue lokale Konjunktur entstehen. Auch dabei kann die lokale Zweitwährung Anwendung finden.
Durch Entlohnung, welche insbesondere durch die Tauschwährung realisiert werden kann, erfährt Arbeit im Bereich sozialer Selbstversorgung eine Aufwertung, wird damit attraktiver. So kann z.B. der drängende Bedarf an Pflege- und Betreuungsleistung leichter gedeckt werden.

4. Wohnungs- und Hausnachbarn
Es besteht das Phänomen, daß Menschen direkte Wohnungs- oder Hausnachbarn sind und doch in Fremdheit zueinander verbleiben, eine Fremdheit, die sich aufgrund der räumlichen Nähe besonders unangenehm anfühlt und viel zu einem Unwohlsein in Städten beiträgt. Hallo-Leute-Netze schaffen leichten Kontakt und beheben so dieses Problem.
Denkbar sind "Haus-Foren", also Internet-Foren speziell für ein Haus, in dem alle Anliegen thematisiert werden können, auch unter Pseudonym. So fällt es leicht, auch Kritik und Unzufriedenheit zu äußern, Probleme können schon in einem frühen Stadium angegangen werden.

5. Nachbarschaftsstreit
Nachbarschaftsstreit kann zu den erbittertsten Konflikten eskalieren. Vereinfachte Kommunikation, eine Öffentlichkeit des Streits, ermöglichen ein frühes konstruktives Reagieren und Vermeidung einer Eskalation.

6. Kriminalitätsprävention
Der ausgeprägte nachbarschaftliche Kontakt macht kriminelle Handlungen weniger wahrscheinlich, sei es im Bereich Einbruchsdiebstahl, häusliche Gewalt oder auch Vandalismus an privaten oder öffentlichen Einrichtungen.

7. Neu-Zuzug, berufliche Mobilität
Neu Hinzuziehende können sich wegen der Hallo-Leute-Netze sehr einfach in ihre neue Umgebung einleben. Berufliche oder private Mobilität wird so erleichtert; Reisende können z.B. leichter Kontakt zur Bevölkerung bekommen.



II. Weiterreichende, gesamtgesellschaftliche Gewinne

1. Kreativitätsentwicklung

Neben den unten ausgeführten Effekten auf Familien, Pflege, politisches und wirtschaftliches System lassen Hallo-Leute-Netzwerke mit ihrer neuartig organisierten Gemeinschaftlichkeit völlig neue, nicht absehbare Effekte erwarten: denn wo Menschen jetzt die Möglichkeit haben, sehr einfach in Kontakt und Austausch miteinander zu kommen und dieser Austausch auch beständig durch die Hallo-Leute-Medien angeregt wird, da werden gemeinsame Interessen bewußt, und immer neue Ideen werden geboren. Diese Netzwerke sind thinktanks an der Basis der Gesellschaft und bringen die Kreativität der Menschen zur Entfaltung.
Etwas pointiert könnte man also sagen: noch interessanter als die absehbaren Auswirkungen des Hallo-Leute-Ansatzes sind die Effekte, die nicht absehbar sind, sie könnten ein Vielfaches davon sein.


2. Bedeutung von Hallo-Leute-Netzwerken für Familien

Nachbarschafts-Netzwerke bieten große Vorteile für familiäres Leben:

a) Familien
Kinder zu haben wird erheblich erleichtert, wenn es möglich ist, Betreuung zu finden, zu Terminen zu fahren u.ä.. Es ist bekannt, daß die Entscheidung für Kinder stark von der Frage abhängt, ob die Mutter der Frau im gleichen Ort wohnt. Das zeigt, wie wichtig es ist, im Bedarfsfall das Kind sehr schnell versorgt wissen zu können. Das Aufbauen eines Beziehungsnetzwerkes, welches solches ebenfalls leisten kann, ist also von sehr großer Bedeutung.
Alle industriell geprägten Gesellschaften haben rückläufige Geburtenraten. Dies hängt wesentlich mit der Frage zusammen, wie Elternschaft und Berufsleben vereinbar sind. Die Erfüllung eines Kinderwunsches zu ermöglichen sollte generell ein gesellschaftliches Anliegen sein. Darüber hinaus ist die Frage jedoch von größter Bedeutung für die Rentenproblematik. Und letztlich kann niemand eine Kultur wollen, die so wenig erfolgreich ist, daß sie ausstirbt. Hier besteht also dringender Bedarf an Veränderungen.

b) Pflege
Betreuung und Pflege im Seniorenbereich werden in gleicher Weise erleichtert. Angesichts des Altersaufbaus vieler Gesellschaften und des schon heute bestehenden "Pflegenotstandes" ein hoch kritisches Thema.
Ein Potential der Laienpflege kann erschlossen werden. Diese ist für viele einfache Handreichungen ausreichend, für die zu Pflegenden aber, nicht zuletzt wegen der damit verbundenen „Ansprache", sehr wertvoll. Professionelle Pflege kann gerade diese wichtigen Aspekte aus Kostengründen nicht leisten.

Ansätze, wonach jüngere Senioren bei der Pflege älterer Senioren helfen und damit Ansprüche für ihre eigene Pflege erwerben, können mittels des zeitbasierten Hallo-Leute-Minizeit-Tauschgeldes realisiert werden. Dies ist eine neue, zusätzliche Art der Rentenvorsorge. Insbesondere sind die erworbenen Guthaben inflationssicher, und sie sind kapitalmarktunabhängig, können also nicht im Falle ungünstiger Wirtschafts- oder Börsenentwicklung verfallen (es ist zu beachten, daß für diese Funktion die Sparvariante der Tauschwährung zu verwenden ist, im Gegensatz zu der Umlaufvariante).

c) Trennungen
Trennungen werden in ihrer Problematik für die betroffenen Kinder entschärft, wenn in einem lebendigen sozialen Gefüge der getrennte Elternteil dennoch vielfach präsent bleibt, Beziehungen weiter gepflegt werden können.

d) Neue Wohn- und Lebensformen
Die oft in neurotischer Enge abgegrenzte Kleinfamilie kann sich öffnen.
Bewährte Freundeskreise können sich mit der Zeit zu Lebensgruppen, zu "Wahlfamilien" verbinden.


3. Bedeutung von Hallo-Leute-Netzwerken für Politik und Gesellschaft

a) Optimierung demokratischer Partizipation
Die Vernetzung der Bürgerschaft bedeutet Maximierung der Möglichkeiten zu Selbstorganisation und Selbstregulation: Entscheidungsmacht wandert nach unten zum Bürger, also zum Souverän, die Distanz zwischen Souverän und Repräsentant wird minimiert. Das Spannungsverhältnis zwischen Repräsentant und Souverän in der politischen Entscheidungsfindung bleibt jedoch bestehen und muß stets aufs neue ausbalanciert werden.
Die Legitimität politischer Entscheidungen wird so maximiert, die Rückkopplung zum eigenen Verhalten wird eindeutig.
Dies ist die konsequente Fortführung des demokratischen Ansatzes von Partizipation.

Daß ein Gemeinwesen die aktive Teilnahme der Bürger benötigt, ist mittlerweile sehr deutlich geworden; Bürgerschaftliches Engagement, BE, wird sogar öffentlich gefördert. Die Partizipation des Bürgers mittels Hallo-Leute-Netzen kann als ultimatives BE angesehen werden.

b) Verantwortlichkeit
Die Möglichkeit Einfluß zu nehmen bedeutet auch verantwortlich zu sein: der Ansatz schafft Bewußtsein für Verantwortlichkeit, er stärkt eine Haltung von Selbstverantwortung. Der Ansatz wirkt befähigend statt entmündigend.
Wo die Verantwortlichkeiten klarer sind, gibt es weniger Spielraum und Bedarf für diffuse Schuldzuweisungen. Politiker können und müssen nicht mehr Verschleierungsstrategien fahren, künstliche Ablenkungsthemen aufbauschen usw.: mehr Ehrlichkeit wird möglich, es ist gut für die politische Hygiene.

c) Identität
Zugehörigkeit wird wesentlich erlebt werden als Bezug zum Quartier, und dann zu den nächst größeren Organisationsrahmen Kommune, Stadt und Region. Dies ist einerseits von Bedeutung angesichts der aktuellen Entwicklung hin zu großen supranationalen Gebilden, in welchen die Ausbildung eines Zugehörigkeitsgefühls fast unmöglich ist: diese können überhaupt nur stabil sein, wenn brauchbare kleinere Bezugsrahmen gegeben sind. Andererseits wird der Bedarf an nationaler Zugehörigkeit geringer, damit wird die Gefahr des Nationalismus, eine Quelle schlimmer Übel, entschärft.
Ein weiterer großer Vorteil entsteht für Zuwanderer: sie können eine Quartiers- und Regionalidentität entwickeln, die für sie selbst und gegenüber Einheimischen glaubwürdig ist. Integration gelingt so leichter.

d) Massenpsychologie versus "common sense"
Durch die Bezogenheit auf Gruppengrößen von 500-2000 Personen wird möglicherweise ein soziopsychologisches Phänomen wirksam, welches der Massenpsychologie entgegengesetzt ist: danach verhält sich der Mensch im überschaubaren Rahmen, der direktes Bekanntsein der Akteure noch zuläßt, gemäßigt, mit gesundem Menschenverstand. Vermeintlich einfache Lösungen werden nicht geglaubt; radikale, extreme Positionen werden weniger wahrscheinlich.
Politiker müssen keine unsinnigen Versprechungen machen und diese sogar umsetzen. Ausweglose Verschuldung, Belastung künftiger Generationen, wird daher unwahrscheinlich.

Der Hallo-Leute-Ansatz holt das Thema Gemeinschaftlichkeit in die Mitte der Gesellschaft und besetzt es für die politische Mitte. Dieser hochemotionale Bereich steht somit nicht mehr einseitig massenorientierten politischen Ideologien, sei es von links oder von rechts, oder aus religiöser Motivation, zur Verfügung.

e) Neue gesellschaftliche Orientierung
Das Hallo-Leute-Modell bietet eine neue gesellschaftliche Orientierung: es ermöglicht, individualistische und gemeinschaftliche Aspekte des Zusammenlebens miteinander zu verbinden. Die alte Alternativstellung "Vergesellschaftung - Sozialismus" versus "Individualismus - Liberalismus" ist aufgehoben, das ganzheitliche Verständnis menschlicher Bedürfnisse ermöglicht ein ausgewogenes, nicht einseitiges gesellschaftliches Leben: "sozialer Wohlstand" wird aufgewertet, materialistische Orientierungen entschärft.

f) Verbraucherorganisierung
Hallo-Leute-Netze helfen bei Verbraucherorganisierung: mit bewußtem Verbraucherverhalten kann das Verhalten von Unternehmen gestaltet werden. Nicht nur der politische Entscheidungsprozeß wird also durch den hohen Organisationsgrad in Hallo-Leute-Netzwerken optimiert, auch in der Wirtschaft läßt sich so der Wille des Souveräns optimal repräsentieren.
Auch hier gilt: da der Bürger den Einfluß hat, hat er auch die Verantwortung. Die Schuld an unerwünschten Entwicklungen kann nicht weitergeschoben werden, die Verantwortlichkeiten sind klar.
Außer durch diesen Aspekt hat der Hallo-Leute-Ansatz vor allem durch das Thema Zweitwährung Auswirkungen auf die Wirtschaft (s. folgenden Abschnitt).

g) Systemstabilisierung
Es besteht die Gefahr, daß im Falle schwerer Krisen, z.B. eines globalen Finanzsystemscrashs, mit den Zweifeln an dem Wirtschaftssystem auch wertvolle Errungenschaften wie Freiheitsidee, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, demokratische Regierungsform diskreditiert werden. Gesellschaftliche Strukturen, welche durch Vernetzung der Bürger in Hallo-Leute-Bürgernetzen geprägt sind, können jedoch als sehr stabil gegenüber krisenhaften Erschütterungen angesehen werden.


4. Komplementärwährung

In den Nachbarschaftsnetzen wird für den Austausch eine lokale Zweitwährung verwendet. Das ist auf Tauschringbasis gesetzlich zulässig, bewährte Organisationsstrukturen sind dafür verfügbar.
Die Auswirkungen von Additivwährungen können äußerst umfassend sein, da sie ein Potential erschließen, das der Erstwährung unzugänglich ist. Das liegt u.a. an der sehr, nämlich komplementär, verschiedenen psychologischen Charakteristik der Zweitwährung. Mit ihr wird bereitwilliger gehandelt und ausgetauscht, während die Erstwährung grundsätzlich eher zu sorgfältiger Ausgabenminimierung, also zur Sparsamkeit erzieht. In der Zweitwährung erhält der gemeinschaftliche, kooperative Aspekt des Zusammenlebens seinen Ausdruck im Medium Geld, während die Erstwährung eher den Wettbewerb, d.h. die Konkurrenz betont.
Die weiter oben bereits genannten Gewinne aus Nachbarschaftsnetzwerken, Kontakterschließung, Zusammengehörigkeitsgefühl, neue Kreativität, Vorteile für Familien und Pflege, neue politische Möglichkeiten u.a. werden wesentlich auch als eine Folge der Verwendung einer Zweitwährung erreicht. Darüber hinaus stellen die mit der Zweitwährung erschlossenen Potentiale eine neue, nachbarschaftliche Konjunkturebene und sogar einen neuen Arbeitsmarkt dar.

Das bestehende, ausschließlich konkurrenzorientierte Wirtschaftssystem ist aufgrund inhärenter Probleme instabil, u.A. wegen folgender Aspekte:
-Unmöglichkeit, auf Dauer ein Kräftegleichgewicht auf dem Markt zu gewährleisten, was unvermeidlich zu Kartell- und Monopolbildungen führt
-Macht und Einfluß großer Kapitalien stellen die demokratische Partizipation in Frage
-menschliche Psychologie: Problem der Käuflichkeit
-die einseitige Orientierung auf Konkurrenz hin entspricht nicht der menschlichen Natur und korrumpiert das menschliche Zusammenleben.

Zur Stabilisierung gibt es zusätzliche Elemente wie Kartellbestimmungen, protektionistische Maßnahmen und regulatorische Bestimmungen.
Eine additive Zweitwährung ist demgegenüber ein systemexternes Element, welches das bestehende System komplementär ergänzt und zu einem neuen, insgesamt stabilen Wirtschaftssystem führen kann.
Konkurrenzsysteme führen de facto letztlich zu einem finalen Sieger. Dies entspricht einer inhärenten Selbstzerstörungsautomatik: die finale Monopolbildung bedeutet die Aufhebung des Konkurrenzsystems und die Diktatur des Monopols.
Indem Zweitwährung die lokalen Wirtschaftsbezüge stärkt, bildet sie ein Gegengewicht gegen Konglomerate und Monopole und könnte damit der erste wirklich wirksame Ansatz zur Stabilisierung des marktwirtschaftlichen Systems sein.

Im Falle von Krisen, z.B. eines Crashs des Weltfinanzsystems (Überschuldung der Staatshaushalte, Hedgefond-Aktivitäten) kann das Vorhandensein von komplementären Zweitwährungen von größtem Wert für die Aufrechterhaltung lokaler Wirtschaftskreisläufe sein und die schwierigen Passagen und Veränderungen leichter bestehbar machen.

Eine solche Zweitwährung kann sehr einfach mit Hallo-Leute-Nachbarschaftsnetzen eingeführt bzw. ausgebreitet werden, da diese ohnehin eine lokale Tauschwährung verwenden.


5. Bedeutung von Hallo-Leute-Netzwerken im globalen Rahmen

Das Spannungsverhältnis zwischen Individualismus und Gemeinschaftlichkeit ist ein allgemeines Phänomen. Beim Übergang von traditionellen zu modernen Lebens- und Wirtschaftsformen werden i.A. die gemeinschaftlichen Aspekte beeinträchtigt: traditionelle Lebensformen sind durch gemeinschaftliches Leben und Handeln gekennzeichnet, moderne durch starke Arbeitsteilung, komplexe, schwer durchschaubare Organisation, berufliche Mobilität, mit der Folge von Vereinzelung, Zerfall der Familie, Werteverlust, Gefühl von Entwurzelung und Orientierungslosigkeit.
Hallo-Leute beantwortet die Frage nach der Gestaltung des Sozialen in einer technisch geprägten Welt mit Strukturen, die in neuer Weise, durch flexible Organisation, Gemeinschaftlichkeit in Verbindung mit Individualismus ermöglichen.

Eine gelungene Gestaltung dieses Bereiches ist für alle Kulturen wertvoll, nicht nur für die westlichen, die als erste die Industrialisierung absolvierten. Ein solcher tiefgreifender Problemlösungs- und Zukunftsbeitrag gewinnt der westlichen Kultur Ansehen zurück und sichert so westlichen Werten von Freiheit und Menschenrechten einen Platz in einer entstehenden globalen Kultur.


III. Zusammenfassende Betrachtungen

Die Nachbarschaftsnetze bewirken, daß die Menschen Anteil an den Angelegenheiten des Quartiers nehmen, Verantwortung übernehmen. Die erfolgreiche Praxis bringt Selbstvertrauen und Zutrauen in die Möglichkeit, die öffentlichen Angelegenheiten zu handhaben. Der Bürger, der darin geübt ist, kann auch im größeren Rahmen die öffentliche Sache, die res publica handhaben.

Die Wirksamkeit des Hallo-Leute-Ansatzes beruht auf Potentialerschließung. Entscheidend sind dabei: die räumliche Nähe; die informationelle Transparenz; die Bezahlbarkeit mittels Tauschwährung; und die ganzheitliche Betrachtungsweise. So wird ein Potential von Kreativität, Aktivität, gewerblicher Arbeit erschlossen, welches bisher ungenutzt ist.

Erwartbar wird diese Erschließung neuer Potentiale ökonomisch spürbar. Mehr Austausch bedeutet mehr Wohlstand, Einkommen (heute heißt das Arbeit). Weiterhin dürften die Sozialkassen in nahezu allen Bereichen davon profitieren: weniger Streßkrankheiten, weniger Suchtproblematik, weniger psychische Störungen, weniger psychisch auffällige Kinder, weniger Gewalt und Kriminalität, effizientere Pflege und Betreuung, effizientere Kinderbetreuung. Damit soll die Befindlichkeit des Menschen gewiß nicht aufs Ökonomische reduziert werden. Es drückt sich darin vielmehr aus, daß menschenfreundliche Lebensumstände viele heute gängige Probleme gar nicht erst aufkommen lassen: mehr "sozialer Wohlstand" = weniger Sozialkosten.

Woher rührt dieses Potential? Es ist das Potential der Gemeinschaftlichkeit. Der menschliche Geist will mit anderen wechselwirken. Bei Hallo-Leute findet diese Einsicht ihren Ausdruck in dem Motto "Gemeinsam schaffen wir Dinge, die wir alleine nicht schaffen". Eins plus eins ergibt dann mehr als zwei, und es macht Sinn, dieses Potential systematisch zu erschließen. Das gelingt bei Hallo-Leute eben deshalb so gut, weil in einer ganzheitlichen Sicht auch die Individualinteressen des Menschen anerkannt werden. Eine einseitige Sicht des Gemeinschaftlichen ist nicht erfolgreich.

Diese Ausführung bezüglich der zu erwartenden Gewinne durch die Bürgervernetzung wurde bewußt knapp gehalten. Zu jedem einzelnen Punkt ließe sich beliebig viel weiteres sagen, Material anführen, Quellen auswerten.
Weitere Aspekte wurden gar nicht ausgeführt, z.B.: Rekultivierung verslumter Stadtteile; Bedeutung für Terrorismusbekämpfung; Einstieg in Neue Arbeit, Bürgergeld; kulturrevolutionärer Effekt: Überwindung des Bürgerlichen; u.a.m.
Dies unterblieb mit Rücksicht auf eine lesbare Kürze.


IV. Einordnung und kritische Würdigung

Es mag überraschen, daß ein vielleicht etwas simpel wirkender Ansatz wie Nachbarschaftsvernetzung Auswirkungen auf so viele gewichtige Bereiche, gar im globalen Rahmen, haben soll. Es ist aber insofern verständlich, als der Ansatz an einem sehr grundlegenden Thema, dem menschlichen Zusammenleben, ansetzt. Wo hier grundsätzlich neue Ansätze versucht werden, sind natürlich Auswirkungen auf viele Bereiche zu erwarten, eben wie ausgeführt auf Familien, Pflege, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, und internationale Beziehungen.
Ein grundlegender Ansatz ist auch wegen der Komplexität der genannten Bereiche eher erfolgversprechend: es sind komplexe Systeme, die in vielfältiger Weise in Wechselwirkungen und Rückkopplungen miteinander zusammenhängen. Hier in einem Teilbereich etwas nachhaltig zu bewirken ist schwer. Das Ansetzen an einem grundlegenden Thema, das alle anderen Bereiche beeinflußt, bietet aber die Chance auf nachhaltige Wirkung.

Das Innovative des Hallo-Leute-Ansatzes liegt unter anderem darin, daß er eine komplementäre Sicht hinsichtlich der menschlichen Gemeinschaft einnimmt. Es mag gerade in abendländischer Denktradition eine Versuchung darin liegen zu meinen, mit einer linearen entweder-oder-Logik die richtige von zwei Positionen herausfinden zu müssen. So kann man leicht übersehen, wenn die Positionen nur scheinbar konträr, tatsächlich aber komplementär sind. Komplementäre Positionen schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern sind miteinander vereinbar. Dualität oder auch Multipolarität ist ein Grundphänomen in der Welt und erfordert ein komplementäres sowohl-als-auch-Denken.
Hallo-Leute sieht Individualität und Gemeinschaftlichkeit als komplementäre, sich nicht gegenseitig ausschließende Phänomene und kann darum beide in ihrer Berechtigtheit anerkennen. Erst dies eröffnet den Weg, gesellschaftliche Strukturen zu schaffen, die beiden Aspekten gerecht werden.

Kritische Würdigung der Undina-Idee

Der Hallo-Leute-Ansatz ist ein Undina-Projekt. Die Undina-Idee dürfte der erste Versuch sein, Ansätze zu sozialer Verbesserung zu systematisieren, also eine systematische Methode zu sozialer Verbesserung anzubieten. Das Funktionieren der Methode ist noch nicht nachgewiesen. Ein Gelingen des Hallo-Leute-Projekts wäre ein solcher Nachweis und würde also nicht nur all die geschilderten Auswirkungen haben, sondern wäre erst der Beginn einer beliebig großen Zahl weiterer Projekte. Eine unabsehbare Entwicklung von Optimismus und Kreativität wäre die Folge. Wenn in Punkt II.1 von Kreativitätsentwicklung die Rede war, so findet diese Kreativität jetzt die Methode, all die neuen Ideen auch umzusetzen.
Dies kann dann das neue gesellschaftliche Paradigma sein: weg von Problemen und Sorgen, hin zu kreativen Projekten. Die Frage wird nicht sein, welche neue Katastrophe uns den baldigen Untergang verspricht, oder wie wir unsere Feinde besiegen können, sondern: was ist die neueste Idee, wie können wir unser Leben noch mehr verbessern, noch schöner machen.

Eines der Kriterien für ein Undina-Projekt lautet, daß alle Teilnehmenden Gewinn haben sollen (wobei hier Gewinn in einem erweiterten Sinne verstanden wird, durchaus nicht nur als finanzieller Gewinn oder Vorteil). Auch dies dürfte ein wesentlicher Unterschied zu vielen anderen Ansätzen im Bereich sozialer Verbesserung sein. Im allgemeinen scheint die Meinung vorzuherrschen, soziales Engagement müsse möglichst unentgeltlich erfolgen. Es liegt jedoch auf der Hand, daß mehr Aktivität erfolgt, wenn ein Projekt mindestens hinsichtlich der normalen Geldausgaben kostendeckend, also kein Netto-Zuschußprojekt der Betreiber ist. Noch attraktiver ist das Betreiben eines Projektes, wenn es sogar einträglich ist. Die Innovativität der Undina-Idee zeigt sich unter anderem darin, daß sie nicht dem Denkfehler erliegt, eine altruistische Absicht werde nur korrekt in einer Haltung der Selbstaufopferung verfolgt. Es ist vielmehr gerade Ausdruck der Entschlossenheit, effektiv und nachhaltig für soziale Verbesserung zu wirken, daß vordergründige Vorurteile abgestreift und simple Grundtatsachen berücksichtigt werden wie die, daß Gewinn Menschen nachhaltig motiviert.


Welches sind heute Probleme und drohende Gefahren:
-Ökologie: Klimawandel, Wetterextreme, mögliche Umkehrung des Golfstroms; Wassermangel; Bodenerosion, Vordringen der Wüsten; Luft-, Wasser- und Bodenvergiftung; Artensterben, Verluste im Genpool
-Wirtschaft: gesättigte Märkte, globale Überkapazitäten; Erschöpfung der Ölreserven; Machtzusammenballung bei wenigen global playern
-Finanzsystem: massive Ungleichgewichte in Handelsbilanzen; Verschuldung auf allen Ebenen: Staat, Unternehmen, Verbraucher (für die wirtschaftliche Führungsmacht USA); Risikoballung bei wenigen großen Finanzinstituten; Hedgefontaktivitäten (Spekulation); Blasenphänomene ("Immobilien-bubble", USA)
-Gesellschaft: Politikverdrossenheit; Legitimationsverlust von Politikern und demokratischem System, Gefahr von Extremismus; dauerhafte Massenarbeitslosigkeit wegen Produktivitätsfortschritten; Geburtenmangel; gesellschaftliche Desintegration: Alte, Migranten, Einkommensverteilung; überschuldete Sozialsysteme
-Terrorismus: mit Chemie-, Bio- und Atomwaffen denkbar

Die Risiken hängen komplex miteinander zusammen. Dazuhin wird durch die Globalisierung jedes Ereignis Folgen im globalen Maßstab haben.

Angesichts einer solchen bedrückenden Liste, die leicht hoffnungslos machen kann, ist es besonders bemerkenswert, wenn eine Einzelperson einen ganz neuen Lösungsansatz entwickelt. Dabei geht es im Unterschied zu vielen anderen Ansätzen nicht um Symptombehandlungen, gut gemeinte symbolische Handlungen oder Appelle zu "mehr Moral", "weniger Gier", "mehr Menschlichkeit". Jetzt geht es darum, wirklich Wirkung zu erzielen.
Dafür ist es nötig, unabhängig und mutig zu denken, sich von gängigen Vorurteilen frei zu machen, nicht im mainstream der Betrachtungsweisen zu verbleiben. In dieser Bereitschaft, die Sicherheit der Horde aufzugeben und alleine gedankliches Neuland zu betreten, zeigen sich geistige Unabhängigkeit und ein Forschergeist, die hohen Respekt verdienen. Es zeigt sich darin die Ernsthaftigkeit der Anteilnahme am Menschen.
Diese Humanität zeigt sich auch im Hallo-Leute-Ansatz: es wird genau hingesehen, welches die Wünsche und Bedürfnisse der Menschen sind. So erkennt man, daß verschiedene, sich widersprechende Bedürfnisse vorliegen, die alle ihre Berechtigung haben, entgeht gängiger Einseitigkeit und Eingeschränktheit in der Betrachtung und gewinnt eine ganzheitliche Sicht des Menschen.

Dabei ist die Undina-Idee nicht primär problemorientiert. Zwar können Undina-Projekte dazu dienen, drohender Gefahr zu begegnen. Hauptsächlich aber möchte die Undina-Idee eine Entwicklung mitgestalten, nach welcher der menschliche Geist sich immer weiter kultiviert, sich immer bessere Formen seines Selbstausdrucks schafft. Dies ist der Hintergrund für die konstruktiv-optimistische Grundhaltung, die sich in allen Undina-Projekten zeigt.
Die Undina-Idee ist keine gesellschaftliche Utopie, die einen korrekten Zielzustand zu kennen behauptet. Ganz im Sinne Poppers betrachtet sie die Zukunft als offen. Es gibt keine Garantie für eine gute Zukunft. Die Undina-Methode bietet die Chance, eine gute Zukunft zu gestalten.







© by Hallo-Leute-Netzwerk e.V. 2005