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Neue Arbeit
durch soziale Selbstversorgung
mit einer bürgerschaftlichen Zweitwährung


Verfasser: Philipp Heist, Freiburg im Breisgau, Februar 2006

Menschliches Gemeinwesen erfordert das Vorhandensein und Funktionieren einer lokalen Sozialwirtschaft. Das weltweit vorherrschende, einseitige System der globalen Kapitalwirtschaft kann jedoch viele Aufgaben der lokalen Organisation nicht erfüllen. Ganz im Gegenteil führt die Überbetonung der Konkurrenzwirtschaft zur Auflösung der subsidiären Sozialwirtschaft mit schweren Fehlentwicklungen und selbstzerstörerischen Gefahren, die sich mittlerweile bereits an vielen Orten zu entladen beginnen. Diese Erkenntnis ist allgemein und einfach, aber zutreffend. Ähnlich schlicht und belastbar lässt sich als logische Konsequenz daraus eine sinnvolle Kurskorrektur ableiten. Sie besteht in der schnellstmöglichen Einführung einer zweiten, sozialen Basiswährung, die für den Ausgleich zwischenmenschlicher, nachbarschaftlicher, selbstversorgender und kommunaler Leistungen geeignet und dafür angelegt ist. Natürlich wird die Umsetzung nicht ebenso so einfach sein, wie die Formulierung. Doch zeigt der nachfolgend skizzierte Ansatz einen Weg auf, der realistisch ist und sofort Schritte in eine zukunftsfähige Richtung ermöglicht.

Vom Hallo-Leute-Netzwerk e.V. in Freiburg wurde seit 1995 unter meiner Leitung eine Zweitwährungskonzeption entwickelt, auf deren Grundlage eine bürgerschaftlich-soziale Austauschwährung relativ schnell von der Basis her eingeführt werden könnte. Darüber möchte ich detaillierter berichten, ggf. auch publizieren und interessierte Institutionen bei der Umsetzung entsprechender Projekte beraten. Darüber hinaus suchen wir -das Entwicklungsteam des HLN e.V.- Finanzpartner oder Förderung zum zügigen Abschluss der bereits weit fortgeschrittenen Systementwicklung.

Weitere Informationen und ein Literaturhinweis sind am Ende des Aufsatzes benannt.


Zweitwährung – eine Zukunftsperspektive?

Durch die Erweiterung des Währungssystems um eine bürgerschaftlich-kooperative Zweitwährung kann viel neue Arbeit, die bisher brach liegt, aktiviert und bezahlbar gemacht werden. Der unerfüllte Leistungsbedarf ist so groß, dass dadurch die Arbeitslosigkeit erheblich verringert wird und möglicherweise sogar ganz zu überwinden ist. Einer der Hauptgründe der „Nichtarbeit“ liegt -jenseits von Automatisierung und Globalisierung- darin, dass viel notwendiger, sozialer Leistungsaustausch (also Arbeit) nicht erfolgt, weil er nicht nach den Grundsätzen der Rentabilität zu organisieren ist. Hier können weder mit dem vorhandenen Geldsystem noch auf ehrenamtlich-charitativer Basis ausreichende Motivationsanreize generiert werden.

Diese Arbeitsfeldern erfordern eine dafür geeignete, zweite Sozialwährung. Mit ihr kann ein neuer Wirtschafts- und Konjunkturraum erschlossen werden, in dem sich auch für die regionale Erwerbswirtschaft neue Impulse und Möglichkeiten ergeben. Parallel zur unumkehrbaren Globalisierung bedeutet dieser Ansatz einen neuen Weg zur sinnvollen Re-Lokalisierung der Wirtschaft.

Die zweite Währung und die mit ihr aktivierte Sozialwirtschaft vervollständigen und ergänzen die freie Marktwirtschaft um die fehlende Hälfte. Wenn man das wettbewerbsorientierte Wirtschaftssystem mit seinen Zinswährungen als „konkurrenzorientiert-männlich“ bezeichnet, wäre die vorgeschlagene Zweitwährung aufgrund ihrer Konzeption das „kooperationsorientiert-weibliche“ Pendant. Im bisherigen Fehlen dieser zweiten Austauschebene liegt einer der tieferen Gründe von manchen der heutigen, existenziellen Probleme.

Als ausgeschlossen ist anzusehen, dass eine solche Innovation von der etablierten, hohen Politik zügig in Gang gesetzt und realisiert werden könnte. Deshalb schlage ich die Umsetzung auf der Basis der Minizeit-Konzeption vor. Sie wird in Form von lokalen Tauschringen organisiert, die sich jeweils auf lokale Umgebungen, Nachbarschaften, Quartiere, Stadtteile oder regionale Einzugsgebiete beziehen. Die schnelle Einführung erfolgt dadurch, dass bürgerschaftliche bzw. kommunale Engagementgruppen das System nach vorgegebenem Organisationsmodell parallel zunächst aus einigen, dann bald aus mehreren Quellzentren heraus aktivieren. Das System ist u.a. daraufhin angelegt, dass es sich selbstverstärkend ausbreitet, wenn in einer Stadt oder Region eine bestimmte „kritische Dichte“ der Tauschringe erreicht ist. Darin liegt die Chance auf wirklich rapide Umsetzung. Gleichzeitig garantiert das auch die Möglichkeit eines weichen Rückzuges aus dem Ansatz, z.B. durch gesetzliche Vorgaben, wenn sich mit den ersten größeren Projekten wider Erwarten ungünstige Auswirkungen zeigen sollten.

In einer solchen, von den Bürgern selbst umzusetzenden Reform des sozialen Wirtschaftens und der Selbstversorgung sehe ich eine der wenigen Möglichkeiten, wie die großen Gefahrenkomplexe ganzheitlich, sanft und wirksam entschärft und statt dessen zukunftsfähige Ansätze in Gang gesetzt werden können.

Geld ist als Zahlungsmittel für grundlegende soziale und wirtschaftliche Funktionen unverzichtbar. Doch obwohl bei schwindender Sozialversorgung, mangelhafter werdender kommunaler Organisation, kulturellem Absacken usw. großer Bedarf an Leistung sowie auch freie Arbeitskapazität verfügbar sind, bleibt viel Arbeit ungetan - und das angesichts einer immensen Arbeitslosigkeit! Das Normalgeld kann aufgrund seiner spezifischen Eigenschaften im nachbarschaftlichen Austausch der Bevölkerung kaum horizontal hin- und herfließen. Doch gerade das wäre im Sinne der nachbarschaftlichen Selbstversorgung erforderlich. Es fehlt das Medium, das es den Menschen ermöglicht, in eigener Kreativität, Regie und Kooperation ihre Fähigkeiten und Beiträge auszutauschen und dafür angemessenen Ausgleich, d.h. Lohn zu erhalten. Jeder möchte eigentlich am Gemeinwesen mitwirken, mitarbeiten, darin nützlich sein und gebraucht werden und Miteinander, Austausch, Kooperation im sozialen Umfeld ausleben. Diese große, soziale Motivationsressource kann mit einer bürgerschaftlichen Austauschwährung erschlossen werden.

Dem Ansatz liegt u.a. die Idee der „Komplementarität“ zu Grunde. Damit meine ich eine integrierende „Sowohl-als-auch-Haltung“, die das bisherige eindimensionale „Entweder-Oder“ ablöst. In Bezug auf das Finanz- und Wirtschaftssystem bedeutet das die Einbeziehung von beiden anstelle von nur einer der großen Motivationsquellen für Austausch und Handel, nämlich sowohl die kommerzielle Konkurrenzwirtschaft wie auch in Ergänzung dazu die soziale Kooperationswirtschaft. Das mag erstaunlich klingen, da man sich öffentlich kaum mit der Frage befasst, inwiefern unser Geld für die Organisation der sozialen Kooperationen ungeeignet sein sollte bzw. warum ihm wesentliche Eigenschaften fehlen. (Diese Frage scheint das allertiefste Tabu unserer Zeit zu sein.)

Der Konstruktionsfehler besteht darin, dass verfassungsgemäß neues Geld –der Geldbedarf steigt ständig- grundsätzlich in Form von verzinslichen Schulden oder Krediten entsteht. Diese müssen nicht nur getilgt, sondern mit einem zusätzlichen Aufschlag für Zinsen zurückgezahlt werden, und darüber hinaus muss die Investition, Finanzierung, Geldanlage oder Unternehmung auch noch Gewinn plus Wachstum erwirtschaften. Die Geldmenge muss also immer weiter anwachsen. Hierin ist auch der Zwang zur stetigen Steigerung der Produktivität und zum allgegenwärtige Wettbewerb mit all den kurzsichtig-destruktiven Formen begründet.

Aber für die genannten Aufgaben des Sozialen und der Versorgung ist zu wenig Geld vorhanden und es kann dafür auch kein neues Geld, keine Neuverschuldung geschöpft werden. Warum? Weil hier der Geldeinsatz nicht rentabel, d.h. auf geldvermehrende und gewinnbringende Weise möglich ist. Das konventionelle Geld strebt gemäß seiner Natur und Verfassung nur dahin, wo gewinnbringende Umsätze und Renditen erzielbar sind, und es meidet unrentablen bzw. verlustbringenden Umlauf. Für viele Notwendigkeiten der menschlichen Sozialversorgung ist das daher Geld ungeeignet. Das zeigt sich weltweit immer deutlicher in anwachsenden Nöten, Krisen, Gefahren und Kollapsen, von denen viele menschengemacht sind und etliche ihre Ursache in dem nicht hinreichend qualifizierten Finanzsystem haben.

Die Erweiterung zu einem dualen Finanzsystem und die Aktivierung des zusätzlichen, sozialökonomischen Wirtschafts- und Arbeitskreislauf würde auch zu einer wieder besseren Übereinstimmung des wirtschaftlichen und soziokulturellen Geschehens mit den Werten unserer Kultur beitragen, die vor dem Hintergrund der dramatischen Wandlungen vielen Menschen als zunehmend irrelevant erscheinen müssen.

Mit dieser Innovation sind etliche der aktuellen, miteinander verwobenen Problemkomplexe aufzulösen oder zu verringern:

  • die Arbeitslosigkeit wird beendet oder zumindest erheblich verringert;
  • ein "neuer sozialwirtschaftlicher Konjunkturraum" wird eröffnet;
  • statt Sozialabbau und Verarmung werden Wege zu neuem, sozialem Wohlstand erschlossen;
  • die lokale Wirtschaft erhält wieder die ihr zustehende, unverzichtbare Funktion,
        und parallel zur Globalisierung erfährt die Lokalisierung wieder die angemessene Gewichtung;
  • die soziale Zweitwährung erschließt Wege zu nachhaltiger Wirtschaft.

    Längere geschichtliche Epochen mit zweiphasigen Währungssystemen hat es im alten Ägypten und im Europa des hohen Mittelalters gegeben. Darüber hinaus hat sich in zahlreichen Notgeldwährungen sowie auch in der modernen Tauschringbewegung gezeigt, dass komplementäre Zweitwährungen in Ergänzung zur Hauptwährung gut funktionieren und die Versorgung der Gesellschaft mittragen können.

    Fazit: Arbeit gibt es genug! Was fehlt, ist eine dafür geeignete Geldform.



    Das Minizeit-Modell als Konzeption für eine Zweitwährung

    Die Minizeit-Konzeption für Tauschringe bzw. als Zweitwährungsmodell ist eines der Resultate meiner bisher 20-jährigen Entwicklungsarbeit, die etwa zur Hälfte praxisorientiert auf der Grundlage von bürgerschaftlichen Projekten des Hallo-Leute-Netzwerk e.V. und zur anderen Hälfte in Form von Studien, theoretischen Betrachtungen, Erörterungen, Folgerungen und Darstellungen erfolgte. Seit 1995 wurde das Minizeit-System zunächst als Tauschring, dann als Konzeption für eine Zweitwährung aufgebaut. Deren Komponenten, die Giro-Verrechnungskarte, Bar-Wertgutscheine, Organisation und Verwaltung, wurden in etlichen Passagen erprobt und verbessert. Dieses Zweitwährungs-Modell kann auf Tauschring-Basis aus kleinen Initiativen, örtlichen Vereinen, Verbänden und Organisationen heraus eingeführt und dann flächendeckend kompatibel vernetzt werden. Die Kommunen wären meiner Ansicht nach die richtige Trägerebene, aber als Vorreiter oder Schrittmacher sind sie dafür politisch möglicherweise nicht frei genug. Am kompetentesten wären die Banken, und ich kann mir vorstelle, dass solche Zweitwährungsmodelle auch in Bankkreisen auf Interesse stoßen.

    In Form von lokalen Tauschringen ist die Anwendung der Minizeit-Konzeption als bürgerschaftliche Zweitwährung gesetzlich zulässig. Herausgeber dieses Geldes sind die Einzelpersonen im Rahmen eines Trägervereins. In der Giroversion (mit einer Verrechnungskarte) ist es als wechselseitige Kreditwährung gedeckt. Auch für die Bar-Varianten mit Wertgutscheinen stehen mehrere sichere Währungsdeckungs-Modelle zur Verfügung.

    Der Wertdefinition für 1 Mini-Währungseinheit entspricht 1 Minute Hilfeleistung. (Genauer: Dem ortsüblichen Gegenwert für 1 Minute einfacher Nachbarschaftshilfe bzw. Aushilfsarbeit.) Das ist ein überall verständlicher und eindeutiger Wert. Stundensätze können dennoch frei, also auch von 60 Mini/Stunde abweichend vereinbart werden. Durch lokal angepasste Umrechnungsempfehlungen und eventuell auch Anpassung der Wertstückelung an die jeweilige Hauptwährung ist die parallele Verwendung problemlos.

    Sowohl in Bezug auf jede einzelne Person (als Herausgeber) sowie auch insgesamt regelt sich die Geldmenge gemäß dem tatsächlichen, lokalen Austauschpotential. Sie passt sich stets an die „Landkarte“ des persönlichen, lokalen und regionalen Austauschs an und kann sowohl steigen als auch sinken.

    Eine pauschale Besteuerung des Austauschs mit der Zweitwährung wäre auf einfache Weise zu organisieren. Einstweilen kann an Tauschring-Vereinen im Rahmen der Nachbarschaftshilfe bzw. bei nicht erwerbsorientiertem, geringfügigem Austausch ohne steuerliche Berücksichtigung teilgenommen werden. Doch wird sich das bei größerem Umfang gewiss ändern. Dahingehend sind für Tauschringe und Zweitwährungsmodelle über lang oder kurz neue, legislative Regelungen zu erwarten. Hier gibt es noch gesetzlich undefinierte Zonen, was aber kein Grund sein darf, solche wichtige Innovationen bzw. deren Erforschung aufzuschieben. Im Gegenteil können und sollten so schnell wie möglich kreative, neue Möglichkeiten gefunden und erprobt werden. Ich rege an, dass neue Tauschringansätze symbolisch schon eine pauschale Steuergebühr einplanen und ggf. an die Kommune weitergeben. Damit können die Praktikabilität aufgezeigt und Studien- und Entscheidungsgrundlagen vorbereitet werden. Außerdem wird das Projekt so für die betreffende Stadt interessanter, die ihrerseits mit der Zweitwährung neue Ansätze zur Minderung von Missständen und Nöten, für Integration und Entschärfung sozialer Brennpunkte erproben kann. Darüber hinaus entstehen damit neue Möglichkeiten für Beschäftigung auf kommunaler Ebene.

    Die Organisation und Verwaltung ist beim Minizeit-Modell einfach und wird weitgehend von den lokalen Tauschringen übernommen. Wo die Minizeit-Zweitwährung in Verbindung mit weiteren Komponenten des ganzheitlichen Hallo-Leute-Modells eingeführt wird, kann das System selbsttragend und sogar im klassischen Geldsinne gewinnbringend werden. Dazu würde insbesondere die wirtschaftlich interessante Medienkonzeption beitragen. Das Minizeit-Modell ist auch daraufhin entwickelt worden, dass es sich bei Erfolg selbstverstärkend auszubreiten kann. Darin liegt die Chance auf schnelle Umsetzung..



    Literaturhinweis: Einige der Merkmale des Minizeit-Zweitwährungssystems habe ich aufgrund der Studien der Bücher „Das Geld der Zukunft“, „Mysterium Geld“ und weiteren von Bernard Lietaer konkretisiert, der viele der geldtheoretischen Zusammenhänge erklärt und seine Perspektiven im Hinblick auf ein mehrteiliges Finanzsystems aufzeigt. Dafür möchte ich ihm sehr danken. Das dadurch gewonnene, tiefere Verstehen hat es mir ermöglicht, meine Zweitwährungsvision zu vervollständigen, weitere Details zu erproben, das System durchzukonzipieren und bis zum heutigen Stand zu formulieren.


    Weitere Informationen: Weitere Informationen sind im Internet unter www.hallo-leute.de sowie in Form einer schriftlichen Broschüre verfügbar.


    Träger des Minizeit-Tauschrings und –Zweitwährungs-Experiments ist der
    Hallo-Leute-Netzwerk e.V.    c/o Philipp Heist
    Grillparzerstraße 5, 79102 Freiburg, e-Mail: info@hallo-leute.de




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